Prof. Oskar Negt, führender Theoretiker der Kritischen Theorie„Europa neu begründen – Wege aus der europäischen Krise“ war am 23. Januar das Thema im Erfurter Café Nerly, zu dem der Sozialphilosoph Prof. Oskar Negt referierte.
Auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit der IG Metall erläuterte der führende Denker der kritischen Theorie seinen Alarmruf für ein gerechteres Europa.
Negt sieht die sozialstaatlichen Errungenschaften der Arbeiterbewegung in Gefahr vor dem Hintergrund einer Realpolitik, die eine europäische Spaltung vorantreibt.
Entwurzelte und flexibilisierte Menschen seien so sehr mit Ihrem beruflichen und privaten Überlebenskampf beschäftigt, dass ihre Identität, ihre politische Bildung und Werte wie Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt auf der Strecke bleiben.
Auf der politischen Ebene skizzierte er, warum das Exportieren von Waren im Tausch für Schuldscheine kein dauerhaft tragfähiges Gesellschaftsmodell sei.
Die fehlende Binnennachfrage in Deutschland und der Einbruch der Wirtschaft in Süd- und Osteuropa seien Ergebnis einer neoliberalen Sparpolitik, die einzig betriebswirtschaftliche Aspekte im Blick habe.
Demokratien und Sozialstaaten in Europa seien vor diesem Hintergrund akut gefährdet, sind doch Ergebnis dieser Politik das Wiederaufleben alter Ressentiments zwischen einzelnen Ländern.
Die Gesellschaft und Staaten als Ganzes dürften nach Prof. Negt nicht zu bloßen Anhängseln der wirtschaftlich Mächtigen und der Börsenkurse werden.
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Prof. Klaus Dörre, Soziologe der Universität Jena, Armin Schild, Bezirksleiter IG Metall Frankfurt und dem Thüringer Wirtschaftsminister, Matthias Machnig, wurde philosophiert, was dieser Entwicklung entgegenzusetzen sei.
Prof. Negt plädierte dafür, jeder Mensch solle bei sich selbst beginnen und die Prozesse kritisch hinterfragen. Der stellvertretende Chefredakteur der TLZ, Hartmut Kaczmarek, moderierte die durchgängig hochinteressante Runde.